Posts by Poly

    Kleingeld


    Wir haben die Abendfähre noch erwischt und erleben eine Überfahrt mit romantischem Sonnenuntergang. Genau als das letzte rotgoldene Schnipselchen am Horizont verschwindet, ruft die übliche Lautsprecherdurchsage alle Autofahrer wieder nach unten in ihre Wagen. Großartiges Timing!



    Keine Lust heute noch in die Nacht hinein weiterzufahren. Also wird der nächste Stellplatz angelaufen. Der ist genau auf solche Kunden eingerichtet. Willkommen in der Heimat. Niemand mehr in der Rezeption. Bezahlautomat? Kartenzahlung? Fehlanzeige! Man soll die Gebühr in Bar und abgezählt in einen beschrifteten Umschlag stecken und in den Briefschlitz werfen. Aber gerne. Unser Problem: wir habens nicht passend. Nur noch einen großen Schein. Halt, im Handschuhfach liegt doch das Schlüsseltäschchen mit all den kleinen Münzen, die sich über die Zeit angesammelt haben. Ich baue messing-kupferne Türmchen auf dem Dinettentisch und tatsächlich - es reicht gerade so. Mit schwerem Plumps landet der dicke Umschlag im Briefkasten. Ehrlich schläft sichs besser. Außerdem hat die Gewichtseinsparung auch ihre Vorteile.


    Am nächsten Morgen werden wir von merkwürdigen Düften geweckt. Ich mache einen Spaziergang und entdecke schnell die Ursache. Der Stellplatz ist ein Bauernhof und direkt nebenan in Riechweite und Windrichtung logiert ein halbes Dutzend quieklebendige Sparschweinchen.



    Es fehlen ihnen nur die üblichen Schlitze auf dem Rücken. Die finden sich gleich nebenan. Das Servicehaus könnte früher eine Scheune gewesen sein. Jetzt beherbergt es die Spülküche.



    Große Schilder über den Spülbecken erklären wie es funktioniert. Ich gehe davon aus, dass heißes Wasser gemeint ist. Leider hab ich kein Zehnerle mehr, um das zu testen. Die sind gestern Abend alle mit durch den Briefschlitz gerutscht.



    Die dazu gehörenden Münzautomaten sind wie kleine Panzerschränke in die rückwärtige Mauer eingelassen. Man sollte auf die Nummerierung achten, sonst bezahlt man das Spülwasser für den Nebenmann.



    Draußen gibts noch mehr Wasserhähne mit Wandsafe-Sparbüchsen. Alles sehr ordentlich beschriftet, aber ob es immer der Wahrheit entspricht?



    Der rechte Hahn hat ein Zollgewinde für Gardenanippel, an dem man seinen eigenen Schlauch anschließen könnte. Aber wieso kostet das kalte Wasser hier draußen genauso viel, wie das heiße Spülwasser drinnen? Ob die versprochene Menge überhaupt stimmt? Zusätze wie "circa", "etwa" oder "ungefähr" meinen selten einen Kundenvorteil.



    Aus dem linken Anschluss läufts auch ohne Münzen. Grauwasser? Ich könnte wetten, dass der kostenfreie Wasserhahn (ein zeitbegrenzter Druckspüler) hinter der Wand an die gleiche Trinkwasserleitung angeschlossen ist, wie der rechte kostenpflichtige. Der Bauer hat diesen Gedankengang vorhergesehen und versucht es mit Freundlichkeit. Erstmals wird das Wort "Bitte" verwendet. Sicherheitshalber hat er außerdem den roten Schlauch mit einer Schelle festgemacht. Falls doch jemand dran herumbastelt, kommt bestimmt gleich der Großknecht mit der Mistgabel um die Ecke und bekräftigt die Bitte.



    OK, es gibt auch ein paar Schlitze die nicht nach Münzen gieren. Einer wurde mit der Flex so weit vergrößert, dass hier auch ein Kassettenrüssel reinpasst. An solchen einfachen Einloch-Entsorgungen ist es schwierig zu kassieren.



    Aber man kann es ja mal versuchen. Der letzte Wandschrank ist deshalb eine Spendensammelbox. Im Text steht sogar ein vorauseilendes "Danke". Der desolate Zustand lässt Interpretationsspielraum. Ist sie so verrostet, weil sie kaum benutzt wird, oder weil so viele freiwillige Münzen den Lack beschädigt haben? Als Optimist glaube ich an das Gute im Campingfreund.



    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    Ist aber Militärtechnik. Guckstu HIER.


    LAK "Leicht absetzbarer Koffer"


    Inneneinrichtung gabs als Feldküche, Werkstatt, Führungsstelle, Labor, Ruheraum oder zur Luftraumüberwachung. Das Ding hatte autarke Technik, wurde auf LKW transportiert und dann per Kran runtergehoben und in die Büsche gestellt.


    10 mm Glasfiber. Nahezu unkaputtbar. So eine Kiste baut man sich einmal richtig aus und wechselt dann nur noch ab und zu das Trägerfahrzeug.


    Wenn die Dinger schon lange rumgestanden haben, stinken sie auch kaum noch nach dem Polyesterharz. Das kommt dann wieder, sobald man dran herumbohrt.


    ;-)

    Grüße vom Poly

    Die alten NVA-Funkkoffer sind genial.

    Passen praktisch auf jeden kleinen LKW. Monolithisch laminiertes Glasfiber. Das rostet nie. Gasdicht und stabil wie ne Hochseejacht. Wurden nach der Wende gerne für Ausbauprojekte hergenommen. Heute kaum noch zu bekommen.


    Poly

    Uralte Balken


    Unser Heimweg in Richtung Süden geht über die Reichsstraße Nr.3 an der Glomma entlang. In dieser Gegend wurde das Skifahren erfunden. Am Hang stehen Sprungschanzen und der Ort hat zwei Skier im Wappen. In meiner Karte ist ein Bauernhof als Freilichtmuseum markiert. Zunächst sichten wir aber gebastelte Witze. Ein Futtersilo als Weltraumrakete dekoriert. Wie hübsch. Das Museum kann es nicht sein. Laut Navi sind noch zwei Kilometer zu fahren (es werden fünf). Auf dem nächsten Kreisverkehr zeigt ein riesiges Thermometer auf minus 39 Grad - im Juli.



    Wir folgen dem Navi, brauchen aber zwei Anläufe, um die Zielflagge zu erreichen. Der erste Weg (asphaltiert, breit) führt nur in der Nähe vorbei. Die Zugänge Richtung Museum sind versperrt. Also zurück. Der zweite Weg (geschottert, schmal) führt durch mehrere bewohnte Bauernhöfe (mit erstaunten Gesichtern) und übergangslos mitten ins Museumsgelände. Keine Tore, keine Sperrschilder. Erst nachdem wir den Haupteingang in falscher Richtung passiert und endlich den Parkplatz gefunden haben, erkennen wir, dass es unten am Fluss noch eine dritte (die richtige)Zufahrt gegeben hätte.


    Im Moment sind wir die einzigen Besucher. Weder eine Kasse, noch Personal zu sehen. Von außen anschauen kann mans ja trotzdem. So also haben die alten Norweger gewohnt. Das Gehöft ist über dreihundert Jahre alt und steht am originalen Standort. Achtzehn schwarzbraun verwitterte Blockhäuser in die Landschaft gestreuselt mit dicken Grasdächern oben drauf. Erstaunlich, wie fugenlos die Balken übereinander geblockt wurden. Erinnert an eine Wild-West-Siedlung. Jedes Haus zu einem anderen Zweck. Es gibt ein Brunnenhaus, ein Badehaus, ein Küchenhaus, Schmiede, Schreinerei, Pferdestall, Kuhstall, Schafstall und zu jeder Tierart spezielle Futterscheunen auf trocken gestapelten Ecksteinen.



    Auch die Vorräte für die Menschen wurden getrennt in verschiedenen Lagerhäusern aufbewahrt. Die Gebäude stehen wie Womos am SP einzeln ohne bauliche Verbindung beieinander. Vielleicht damit bei Feuer nicht alles herunterbrennt? Wie mag das im Winter gewesen sein, wenn man für jede Besorgung in ein anderes Haus musste? Tunnel unterm Schnee wie bei den Feldmäusen?



    Gewohnt wurde je nach Jahreszeit abwechselnd im Sommerhaus oder im Winterhaus. Aber welches ist welches? Die beiden Gebäude sind etwa gleichgroß und ähneln sich wie Zwillinge. Das Museum weiß es auch nicht genau. Wir finden zwei Geländepläne - zwei Versionen. Hätte das Winterhaus dickere Wände, kleinere Fenster und einen größeren Ofen, wäre die Sache logisch. Das Sommerhaus hatte früher eine halbhoch geteilte Tür, damit beim Lüften die Ziegen draußen blieben. Nichts davon zu sehen. Und wozu überhaupt der ganze Aufwand? Angeblich damit nach jedem Umzug das Leerstehende gründlich geputzt werden konnte. Klingt nach Luxusproblem. Statussymbole?



    Leider sind die Häuser verschlossen. Nur durch die Fensterscheiben kann man etwas von der Inneneinrichtung erkennen. Bank, Truhe, Bauernschrank. Spinnrad und Webstuhl haben leider kaum einen Faden am Leib. Weiter hinten Staubsauger, Kaffeemaschine, Elektrokocher ... Hää ? Vielleicht doch noch bewohnt?



    Hinter der Heu-Scheune versteckt sich das kleinste Häuschen. Ein "Utedo" oder kurz: "Do" (wörtlich übersetzt: "tun") ... na was wohl. Zwei Balkenenden markieren links unten die fest eingezimmerte Sitzgelegenheit. Die Tür ist so niedrig, dass sich jeder Eintretende vor der stillen Würde des Ortes verneigen muss.



    Als einziges Haus ist es unverschlossen. Innen sehen die Balken fast wie neu aus und es riecht nach Wald. Den modernen Utensilien nach: "ready for use". Als Besucherklo? Wir haben den Deckel nicht angerührt. Damit bleibt leider ungeklärt, ob sich darunter ein echtes nordisches Plumpsklo aus dem Spätmittelalter oder was Modernes verbirgt. Vielleicht so eine Trocken-Trenn-Astronauten-Zielbrille oder sogar eine richtige Komposttoilette ...?



    Erst daheim entdecke ich im Internet, dass es doch besser gewesen wäre, zunächst bei der komischen Rakete anzuhalten. Kein Futtersilo, sondern ebenfalls ein Museum - für einen berühmten Humoristen. Da hätte man angeblich auch die Schlüssel zu den alten Blockhäusern und ggf. einen Audioguide bekommen können. Man sollte seine Reisen besser vorbereiten...

    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    Wasser-Fjälle


    Wer von Flam weiter nordwärts will, kann bequem durch den Laerdalstunnel fahren. Weltlängster Autotunnel. Fast 25 km Röhre mit Gegenverkehr. Das zieht sich. Nur drei mal unterbrochen von blau-orange ausgeleuchteten Kavernen, in denen ein Zwischenstopp möglich aber nicht erholsam ist. Man fühlt sich wie die Maus, die zum Konzert in die Kesselpauke kroch. Auf unserer ersten Norwegenreise haben wir das ausprobiert. Diesmal folgen wir dem Tipp, lieber die alte Straße oben über die Berge zu nehmen. Soll interessanter sein.


    Aber erst mal hinkommen. Es ist Nachmittag. Stoßzeit. In Aurland sperrt ein großer Reisebus die enge Straße, um seine Fahrgäste aussteigen zu lassen. Nach kurzer Zeit staut es in beide Richtungen. Als die Kolonne wieder in Gang kommt, geben die einheimischen PKW ordentlich Gas, so dass wir den Kontakt zum Vordermann verlieren. Was auf einer normalen Straße ohne Bedeutung wäre, wird nun zum Problem.


    Der Aurlandsvegen steigt vom Fjord in Meerehöhe auf etwa 16 km Strecke in dreizehn engen Spitzkehren bis auf 1300 Meter an. Der Aufstieg hat also durchschnittlich 8 Prozent, ist weitgehend einspurig mit bergseitiger Felswand und talseitiger Leitplanke. Nur ab und zu gibt es kurze Ausweichbuchten. Wer hinunter will, wartet darin ab, bis die Bergauf-Kolonne durch ist.


    (Zum Vergleich: die "gefürchtete" Trollstiegen hat im steilsten 5-km-Stück zwischen den beiden Parkplätzen zehn ausgebaute Spitzkehren, jede Menge große Ausweichbuchten und nicht mal 370 m Höhenunterschied also rund 7 Prozent Steigung. Eigene Messung!)


    Wir sind inzwischen der Kopf einer eigenen Kolonne geworden und immer wieder kommen uns ungeduldige Fahrzeuge entgegen, die den Vordermann für das Ende der Bergauf-Schlange halten. Mehrmals muss zentimeterweise zurückrangiert werden, um aneinander vorbei zu kommen.


    Kurz vor dem Hochplateau gibts noch mal ein langes einspuriges Stück ohne erkennbare Ausweichmöglichkeit. Wird schon klappen. Denkste. Wir sind etwa halb durch, da braust uns von oben ein kleiner Streifenwagen mit Blaulicht entgegen. Also Rückwärtsgang und mehrere hundert Meter zurück. Blick in den Rückspiegel. Mist, geht nicht. Die letzte Bucht ist schon voll mit Autos belegt. Wie will die Polizei an uns vorbei kommen? Ah da vorne weitet sich der Weg minimal. Wenn wir uns gaanz sachte gaanz dicht an die Leitplanke schmiegen, könnte es gehen. Es geht. Mit eindrucksvoller Schräglage, die hangseitigen Räder hoch oben am Felsen quetscht sich die eilige Politi durch. Was für ein Stand! Filmreif! Trockene Bemerkung vom Beifahrersitz: "Ich glaube es hat eben geknirscht."



    Oben auf der baumlosen Ebene ist die Straße endlich etwas breiter und nur noch ganz wenig Verkehr. Rundlich abgeschliffene Berggipfel so weit man schauen kann. wir biegen auf den ersten Parkplatz ein und ich sehe mir die Bescherung an. Rechts vorne am Kotflügel fehlt ein Stück Decklack in der Größe eines Centstücks. Selber schuld. Ärgern? Was solls. Autos mit Kratzern werden weniger geklaut.


    Viel interessanter sind die tiefen Kratzer in dem Felsen auf dem wir stehen. Den Parkplatz hat der Gletscher planiert. Sieht aus, als wäre er gestern erst abgeschmolzen. Der Name Snøvegen (Schneestraße) passt. Da wir noch mal deutlich höher und nördlicher sind als gestern, liegt auch entsprechend mehr Schnee herum. Hier geht er eigenlich nie ganz weg. Offizielle Stellplätze gibts nicht, aber Übernachtungen werden geduldet. Wir finden einen kleinen Parkplatz an einem See mit Wasserfall und mehreren Firnfeldern drum herum.



    Auch hier gibts keinen Strom, also kommt die Solarmatte wieder vor die Beifahrertür. Das originell geneigte Sanitärhaus hält sogar eine ganze Solarwand nach Süden. Damit sich kein Auto davor stellt und Schatten drauf macht, ist die Seite mit großen Steinen gesperrt. Daneben steht noch eine mobile Toilette auf Rädern. Wozu das denn?



    Bei der Besichtigungsrunde sehe ich den Grund. Das kunstvolle neue Haus ist verschlossen. Stengt, wie der Norweger sagt. Wir haben noch freie Kapazitäten und brauchen weder das Kunstwerk noch das Ersatz-Dixie.



    Vom Ende des Platzes schlängelt sich ein privater Schotterweg hinauf in die Berge. Schranke verschlossen. Daneben eine verwitterte Holzbox mit einer rostigen Sparbüchse. Muss man hier also doch was bezahlen? Nur wenn man im See fischen will. 60 Kronen für den einen Angeltag. Aber ob das noch gilt? Alle Formulare sind verbraucht, die Erklärtexte verblichen und verwaschen. Sieht aus, als hätte sich schon lange keiner mehr drum gekümmert.



    Wir wollen hier nicht angeln, aber einen abendlichen Spaziergang zum Wasserfall gönnen wir uns doch. Ich balanciere vorsichtig über bemooste Steine bis mir die ersten Tropfen ins Gesicht klatschen. Das Wasser kommt von mehreren Schmelzwasserseen weiter oben und fällt in zwei eiskalten langen Strähnen herunter.



    Direkt neben dem Wasserfall liegt ein zusammengeknülltes Fischernetz. Sehr dünn und feinmaschig. Was soll man davon halten?



    Spätabends wird uns erneut das angewandte Jedermannsrecht vorgeführt. Ein junges Paar rollt im silbernen Kombi an. Stundenlanges lautes Palaver... rein ins Auto... raus aus dem Auto... wieder Palaver. Meistens spricht er. Wir verstehen kein Wort. Vermutlich geht es um Briefmarkensammlung, Computerspiele, Modelleisenbahn...


    Schließlich schleppt er einen Zeltsack etwa hundert Meter vor unserer Nase ins Fjäll und baut ein tarnfarbenes Iglu auf. Sie ziert sich. Trägt mal einige Sachen zum Zelt und dann die gleichen Sachen wieder zum Auto... Palaver... Trump, Brexit, Migration...


    Stundenlang stehen die beiden diskutierend neben ihrer Hütte. Er leidenschaftlich, voller Überzeugung - sie weiß nicht so recht. Dann kriecht er ins Zelt. Sie nach einiger Zeit auch. Gleich kommt sie wieder raus. Er ebenfalls. Palaver... Urknall, dunkle Materie, Reisen zum Mars...


    Bis tief in die Nacht geht das noch. Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück sitzen, erscheint zuerst sie, zufrieden lächelnd und in entspannter Körperhaltung, geraume Zeit später er. Das Zelt wird abgebaut. Abfahrt. Diesmal ganz ohne Palaver. Glückwunsch.


    In der Nacht bimmelten mehrmals leise Glöckchen an unserem Kasten vorüber. Wie auf dem gestrigen Platz stromern auch hier Tag und Nacht kleine Schafgruppen frei in den umgebenden Bergen herum. Von wegen, Schafe können nicht gut klettern. Diese bouldern mit Begeisterung in der Steilwand am Wasserfall. Falls sich die Wölfe eines Tages bis hierher ausbreiten, sollten sie Magnesia mitbringen.


    Unsere Reise ist straff geplant. Wir müssen leider wieder runter vom Berg. Am Beginn der Abfahrt kommt ein betonierter Wanderweg in Sicht. Gleich daneben ein Parkplatz. Barrierefreier Weg für Rollis? Was gibts hier zu sehen? Der Weg schwingt um den Berghang herum und mündet in einer Höhle. Klar Menschenwerk - keine Bärenhöhle.



    Oder vielleicht doch? Links im Halbdunkel der Höhle schläft auf einem riesigen Haufen Zivilisationsmüll ein großer schwarzer Bär - aus Plüsch und hinter Mehrschichtglas. Kunst im öffentlichen Raum. Was der Künstler ausdrücken will, ist leicht zu entschlüsseln. Die bunte Sammlung reicht vom Steinbeil bis zum Autoradio. Das Fischernetz von gestern Abend hätte hier gut hingepasst.



    Weiter unten stehen auch wieder Bäume am Straßenrand. In einer steilen Spitzkehre trete ich in die Eisen und quetsche den Kasten in eine winzige Ausweichbucht mit starkem Gefälle. So früh am Morgen wird schon keiner hier hoch wollen. Was hab ich da eben gesehen?


    Wir klettern den Hang hinunter über eine wackelige Holzbrücke in ein Schafgatter. Die Schäfchen freuen sich über den Besuch und versuchen sofort Freundschaft zu schließen. Dann stehen wir vor einem prächtigen Wasserfall der über viele Stufen vom Berg herunter und mit Macht um die Insel der Schafe herumrauscht. Kein Superlativ, einfach nur schön.



    Hach, ich möchte eines Tages mal ganz viel Zeit haben und all diese kleinen Dinge am Wegesrand in Ruhe genießen... Kunstwerke, freundliche Wesen, Naturwunder... Palaver...

    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    So, habs gefunden und im Navi markiert. Ist ja gar nicht so weit von uns. Auf halbem Weg zur Nordsee. Falls es uns mal in die Gegend verschlägt, sehe ich mir das Ding genauer an. Könnte natürlich auch eine Einzelanfertigung sein.

    Danke Jürgen für das ungewöhnliche Fundstück.

    Grüße vom Poly

    Hallo Jürgen (Juhei),


    da hat wohl Jemand die Aufkleber verwechselt, trotzdem ein schönes Designobjekt. Würde gut zu meinem grünen Schuppenpanzer passen. ;-)


    War die Säule aus Kunststoff? Gabs irgendwo eine Herstellerbezeichnung?


    Grüße von Jutta+Jürgen (dem Poly-Jungdrachen)

    "Huuaaahhhahh..."

    Ein dickes Fjäll


    Wer mal einen ersten Eindruck vom größten Nationalpark Hardangervidda erhaschen will, kann im Süden der Hochebene über den Haukelivegen ganz kommod herankommen. Bei knapp tausend Metern Höhe rollen wir über eine ausgefahrene Steilrampe in einen aufgelassenen Steinbruch hinunter und wir sind nicht die Einzigen.



    Talwärts öffnet sich eine malerische Kulisse, dass man gleich einen Abenteuerfilm drehen möchte. "Wie ich in der Wildnis überlebte." Überall liegt noch Natur herum, als wäre der Schöpfer nicht ganz fertig geworden. In das Panorama führen steinige Bachläufe und einspurige Trampelpfade. Ganz hinten kleine blaue Seen vor baumlosen Bergen. Die Wolken ziehen schnell und der Himmel wechselt immer wieder zwischen freundlich blau-weiß und bedrohlich grau-schwarz. Nur auf den ersten Blick erscheint das alles unbelebt.



    Zwei Radler in dünner Pelle quälen sich über einen der Pfade zum See hinunter. Es ist mehr ein Schieben, als ein Radeln. Vereinzelt bewegen sich winzige dunkle Punkte in der Ferne. Spaziergänger, Wanderer, Bären, Orks? Schwer zu sagen. Schafmamas mit Glöckchen bimmeln mit ihrem Nachwuchs grüppchenweise frei durch die Gegend und inspizieren die Womos.



    Wir besteigen einige der umliegenden Hügel und knipsen um die Wette. Steile Hänge mit flachen Gipfeln und ansehnlichen Schneeresten (es ist Mitte Juli), versteinerte Trolle, inselreiche Seen und niedrige Pflanzen, die wie ein struppiger Pelz über die Felsen wuchern.



    Blühende Heide, schwarze Krähenbeeren, stacheliger Wacholder, wuscheliges Wollgras, Bonsai-Zwergbirken mit erbswinzigen Blättern und einige Blümchen deren Namen wir noch nicht kennen.



    Dies ist zwar kein offizieller Stellplatz, (keine V/E, keine Toiletten, keine Stromanschlüsse, kein Müllbehälter) trotzdem steht da eine Menge interessante Technik herum. Besonders auffällig eine große automatische Wetterstation und ein achteckiges Gebilde, das ich zunächst für ein Funkfeuer halte. Bei näherer Betrachtung sind das aber keine Antennen, sondern nur Zaunlatten und Kanthölzer. Mehrsprachig klärt ein Schild darüber auf, dass man hier die Schneehöhe misst und die Holzkonstruktion dafür sorgen soll, dass er nicht unvermessen vom Winde verweht wird. Alles mit Videoüberwachung und beeindruckend hoch über dem Boden angebracht. Gibts hier tatsächlich so viel Schnee?



    Der Handyempfang ist ganz ordentlich. In der Ferne entdecke ich eine kleine schwarze Hütte mit überlangem Funkmast vor einer steilen Felswand. Hütte und Mast sind akkurat gebaut und mit zahlreichen Seilen gegen Umfallen gesichert. Macht einen dienstlichen Eindruck.



    Etwas abseits duckt sich eine private Block-Hytta im Freizeitoutfit zwischen die Hügel. Nur über einen Trampelpfad zu erreichen. Grasdach, Satschüssel, Solarzellen und eine überdachte Eckveranda zum See hin. Die Wetterseite wurde provisorisch mit einer Plane abgedichtet. Ein Balkenende ist weggefault. Kleine windschiefe Zusatzhüttchen für diverse Spezialzwecke komplettieren das Ensemble. Niemand zu hause.



    In der ersten Dämmerung (kurz vor 23 Uhr) bekommen wir vorgeführt, wie das mit dem Jedermannsrecht eigentlich gemeint ist. Schräg gegenüber parkt sich ein vollgepackter Kombi hin und eine junge Familie mit zwei lebhaften blonden Töchtern wandert zielstrebig in die abendlich kühle Landschaft hinaus. Papa in kurzen Hosen mit Riesenrucksack vorneweg, Mama und schnatternde Kinderlein mit kleineren Packen hinterdrein. Ein paar hundert Meter entfernt auf einem unserer nachmittäglichen Fotohügel stellt Papa zwei Igluzelte ins Heidekraut. Initiationsritus, Kollektivstrafe oder normales Freizeitverhalten? Am nächsten Morgen (die Nacht war echt saukalt, aber alle sind noch am Leben) wird alles wieder abgebaut und im Gänsemarsch zurück zum Auto gewandert. Die beiden Pubertiere sind bemerkenswert still geworden. Abfahrt geheilt nach Hause oder doch weiter zum nächsten Parking in rauher Natur?



    Ach so, was Ekliges fehlt noch. Jene Rampe, über die wir gestern heruntergekommen sind, war steil und holprig. Laut Karte soll es eine zweite Ausfahrt aus dem Steinbruch geben. Ich mache einen Morgenspaziergang und entdecke sie tatsächlich. Leider ist sie durch große Brocken versperrt. Drumherum geht nicht wegen Sumpf. So ein Mist. Offenbar bin ich nicht der Einzige mit dieser Meinung. Mitten zwischen die Hindernisse hat Jemand (verrottungssicher in grüner Folie verpackt) eine volle Babywindel deponiert. Nonverbaler Kommentar?



    Wir quälen uns später notgedrungen wieder die halsbrecherische Rampe hinauf und hinterlassen hier, wie es sich gehört, nur unsere Reifenspuren.

    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    Sonntagsgeschichte


    Die Stadt, in der die Kronjuwelen liegen, erreichen wir am Sonntagmorgen. Sie hat sich einen nagelneuen Stellplatz zugelegt. Auf einer baumlosen Industriebrache im Hafenviertel nahe dem alten U-Boot-Bunker wurde eine rechteckige Fläche asphaltiert und mit aufgemalten Vierecken parzelliert. Durchgestrichenes Viereck: hier nicht hinstellen! Der Teer riecht noch sehr nach Teer und die weiße Farbe nach chemischem Kampfstoff.


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    Am Eingang gibt es eine V/E-Zone mit viel Edelstahl und einem deutlichen Warnschild, das sich eindeutig gegen die Sparsamkeit durchreisender Freisteher richtet: Tømming kun tillatt for betalende bobilkunder. (Entwässerung nur erlaubt für zahlende Wohnmobilkunden.)


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    Wir wollen eigentlich eine Weile bleiben und ein paar Sehenswürdigkeiten besichtigen. Für die Stellplatzgebühr steht ein Ticketautomat mit Kartenzahlung am Zaun bereit. Man kann Tickets stundenweise oder tageweise haben. Strom und Wasser sind inklussive. Ich probiere es mit der Visa. Leider kommt sie ergebnislos wieder raus. Dann die EC-Karte - gleiches Resultat. Ein Einheimischer probiert es mit seiner Kreditkarte. Auch kein Ticket. Der Norweger ruft die Servicenummer an und palavert eine Weile. Dann erklärt er uns in einer Mischung aus Deutsch und Englisch, dass die Maschine broken ist und der Service nichts machen kann weil ... Sonntag. Der Automat würde vielleicht auch Bargeld nehmen. Wir haben aber nur den Hundertkronenschein vom Schlüsselpfand. Zu wenig. Wir sind doch in Norwegen, da kann man alles mit Karte bezahlen. Nun, hier bekommen wir gerade den Gegenbeweis. Wir verfassen einen kurzen Erklärtext ("The Automat is broken") und hängen ihn mit der Parkscheibe ins Seitenfenster in der abwegigen Hoffnung auf einen Kontrolleur mit Humör.


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    Als wir nachmittags nach einem ausgiebigen Stadtrundgang durch zig Museen, zu den Königskronen, einer gotischen Kathedrale und lecker Eisessen zurück kommen, ist die Situation unverändert. Der Automat nimmt immer noch keine Kreditkarten, weil ... broken. Wir haben immer noch genau hundert NOK in der Tasche, weil ... Problem verdrängt und alles mit der Visa beglichen. Es steckt zum Glück immer noch kein Strafzettel unter dem Scheibenwischer, weil ... Sonntag. Asphalt und Farbstreifen stinken immer noch erbärmlich, weil ... zu neu.


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    Man soll sein Glück nicht überstrapazieren, also verlassen wir den "duften" Platz. Die Nachmittage sind lang im nordischen Sommer. Da kann man noch weit fahren. Bei Sonnenuntergang stehen wir ganz ohne Strom und V/E einen vollen Breitenkreis südlich der Stadt mitten im Wald an einem kleinen See mit leuchtenden Felsgipfeln im Hintergrund und können uns nicht einigen, ob die Tatzenspuren im Ufersand von einem großen Hund oder von einem kleinen Bären stammen. Es riecht nach Fisch und Schilf...


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    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    Strafarbeiten


    Von Malmö nach Norge über die E6 zieht sich ganz schön hin. In Göteborg geraten wir in den Feierabendverkehr. Stop und Go in drei Fahrspuren nebeneinander. Wie angenehm, als die schwedische Landschaft endlich bergig wird und die ersten Felsen auftauchen. Oslo steht diesmal nicht auf dem Plan, also überqueren wir den Fjord schon weit vor der Stadt. Die kleine Fähre ist gut gefüllt und nimmt direkt Kurs auf den Stellplatz im gegenüber liegenden Hafen.


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    Schon im Kamerasucher sehe ich, dass wir zu spät dran sind. Andere Womos hatten die gleiche Idee. Da es nur ein Katzensprung vom Fähranleger ist, fahren wir trotzdem hin, und finden die Befürchtungen bestätigt. Nicht das kleinste Lückchen mehr frei. Wird heute Abend nix mit Schiffe gucken und Hafenromantik.


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    Plan B ist ein Familiencamping im nächsten Ort. Wir haben heute keine Lust noch lange herumzusuchen und hier kann man sicher bequem die Flüssigkeiten tauschen.


    Kartenzahlung - kein Problem. Wir bekommen einen Schlüsselchip und hinten rechts am Zaun die Parzelle mit der Holzplattform. Die Stellfläche ist etwas schräg, aber wenn ich vorwärts einparke, müsste es ohne Keile gehen. Dann liegt zwar die Plattform auf der falschen Seite, aber dafür ein bissl unverdorrte Wiese vor der Schiebetür. Kaum hingestellt, kommt der Platzwart angesprungen und erklärt uns vielsprachig, dass er sich das anders vorgestellt hat. Was ich als Wiese nutzen wollte, würde schon zur nächsten Parzelle gehören. Na gut. Dann eben Kasten umdrehen und Keile drunter machen. Nun haben wir also einen wippenden Tanzboden als Frühstücksplatz. Mal was Anderes.


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    Trotz der vielen Kinder geht es hier erstaunlich ruhig zu. Ab und zu rollen geräuschlose Autos ohne Auspuff langsam den Hang hinauf. Muss man sich auch erst mal dran gewöhnen.


    Frischwasser sollte nachgefüllt werden. Der nächste Wasserhahn ist in Sichtweite, allerdings nicht nahe genug um den Schlauch direkt anzuschließen. Man könnte den Kasten hinfahren, dann wäre aber die Campingstraße versperrt. OK, für solche Fälle haben wir schließlich den Faltkanister mit. Keine Ahnung, wie oft ich mit dem Ding hin und her gelaufen bin. (Kann es sein, dass bei der Wärme mehr als hundert Liter in den Tank gehen...?)


    Rundgang am nächsten Morgen bei trübem Wetter. Weiter unten ist der Platz akkurat parzelliert wie eine Laubenkolonie. Die Wohnwagen stehen in Reih und Glied. An so eine Parzelle ganz vorne mit freiem Fjordblick kommt man vermutlich nur durch systematisches Hochdienen in der Camperhierarchie oder über eine Erbschaft.


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    Die es geschafft haben, markieren ihr Revier, wie es sich für ordentliche Laubenpieper gehört. Windschutzplanen werden nicht mit Leinen und Häringen, sondern mit stabilen Streben aus Metallrohr gegen den Seewind verankert. Es gibt Kräuterbeete mit Solarlämpchen, bunten Eulen und Plasteflamingos. Wahrscheinlich könnte man hier gute Geschäfte mit Gartenzwergen machen.


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    Die Badestelle hat einen grobkörnigen Sandstrand, erstaunlich warmes klares Wasser und wimmelt von kleinen Fischen. Hinter dem vorgelagerten Bootshafen duckt sich eine Insel im Fjord. Offensichtlich besiedelt. Man sieht Bootshäuser, Wohnhäuser, eine Kirche.


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    Die OSM-Karte verrät mir den Namen und das Internet erklärt, dass es sich um eine Gefängnisinsel handelt. Es soll dort ziemlich entspannt zugehen. Weder Zäune noch Wachtürme sind zu sehen. Kein Hochsicherheitsknast wie Alcatraz sondern eher ein Camp für sanfte Resozialisierung. Die Häftlinge haben zahllose Freizeitangebote, können ihren Hobbys nachgehen, gärtnern, Sport treiben, relaxen, angeln, mit ihren Lieben telefonieren. (Die roten Hütten am linken Bildrand sind Telefonzellen.) Wer da seine Strafe verbüßen darf, haut nicht ab.


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    Vor der Weiterfahrt machen wir noch einen Besuch am Servicehaus. Angler sind willkommen. An der Wand steht ein Spültisch mit Wasserhahn, der offensichtlich zum bequemen Ausnehmen und Abschuppen der Fische dient. (Er riecht auch danach.) Einen bequemen Bodeneinlauf fürs Grauwasser kann ich jedoch nirgends entdecken. Der Müllcontainer und ein Klaufix mit Grünfutter versperren die nahen Parkmöglichkeiten. Na immerhin gibts einen Raum für die Kassetten. Um hinein zu kommen, benötigt man den Transponderchip, den wir gestern an der Anmeldung bekamen.


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    Zwei abgerundete Pyramidenstümpfe. Woran erinnert mich das nur? Sektglas...? Eisbecher...? Fußballpokal...? Egal, man kann spritzerfrei auskippen. Darauf kommt es schließlich an. Die Kassette muss wieder mal als Grauwassertrolley herhalten. Da der Tank gut gefüllt ist, schleppe ich sie etliche mal hin und her. (Ist es möglich, dass sich der Abwassertank ebenfalls aufgeweitet hat...?)


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    Von wegen bequem. Hab mich lange nicht derart mit Flüssigkeiten abschleppen müssen. So mühselig wirds in den folgenden Tagen nie wieder.

    Als wir den Chip zurückgeben, erhalten wir die hundert Kronen Schlüsselpfand in bar zurück. Das einzige norwegische Bargeld auf der ganzen Reise.

    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    Rich only


    Jutta hat fürs Wochenende ein Fahrradmuseum herausgesucht. Prima, sowas hatten wir lange nicht. Kurz vor dem Ziel verschlechtert sich die Qualität des Straßenbelags erheblich. Dezente Aufforderung hier nicht weiter zu fahren. Wir tuns trotzdem. Die Häuser ringsherum werden dagegen immer mondäner. Am Ende rollen wir über rasselnde Schotterwege und wir sind buchstäblich von Luxushotels in alten Barockschlössern umzingelt. Eins heißt sogar genau wie in dieser schnöseligen TV-Seifenoper.


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    Es muss hier einen kostenpflichtigen Stellplatz geben. An freien Parkplätzen drum herum herrscht zwar kein Mangel, aber natürlich alle mit dem bekannten: Schild "gesperrt für Wohnmobile". Kurzbesucher, die nur das Museum anschauen wollen, sind nicht eingeplant. Na gut, wir sind flexibel. Dann eben der Stellplatz.


    Die Fangreuse am Stellplatzeingang lässt uns bereitwillig ein. Falls wir es in zwei Stunden durch das Museum schaffen sollten, würde sie uns auch ungeschoren wieder raus lassen. Von früheren Museumstouren weiß ich natürlich, dass wir es nicht schaffen werden. Also doch eine Übernachtung. Wir haben unser eigenes Hotel dabei. Was solls, zehn Euro.


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    Dabei bleibts aber nicht. Wer übernachten will, wird augenblicklich zum Kurgast. Anderswo ist die Kurtaxe im Stellplatzpreis enthalten, hier wird sie zusätzlich abgemolken. Damit die zweibeinige Milchkuh nicht vergisst, sich im Melkstand einzufinden, sind auffällige Hinweise an allen möglichen Stellen verteilt. Zwoachzig pro Nase. Die Stellplatzgebühr erhöht sich dezent auf Fünfzehn sechzig.


    Das Museum ist immerhin eine gute Wahl. Wir haben die Ausstellung fast für uns allein. Es zeigt eine nahezu lückenlose Sammlung der Fahrradgeschichte vom alten Herrn Drais bis zur Neuzeit, so dass ich von einem Entzücken ins nächste falle. Laufrad, Tretkurbelrad, Hochrad, Niederrad mit vielen Exemplaren in feiner Abstufung der Entwicklungsschritte.


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    Da steht bestimmt auch irgendwo ein Kangaroo mit den beiden Ketten am Vorderrad? Nöö. Also doch ne Lücke entdeckt. Aber das Museum weiß bescheid. In einem Text wird das Kangaroo erwähnt. Die Vorläufer und Nachfolger sind da. Gibts ein Kardanwellenrad? Na klar, da steht ja das Schild. Aber das Fahrrad fehlt. Einen Raum weiter hängt es am Haken. Müsste mal wieder Jemand aufräumen.


    Gibts was aus dem Osten? Aber ja doch. Mifa-Klapprad, millionenfach gebaut. Und da steht das Diamant-Rennrad meines Cousin Hartmut, das ich als Dreikäsehoch vom Simsonwerk nach Hause geradelt habe - stehend, denn der Sattel war natürlich viel zu hoch. Und sogar die lange Alu-Luftpumpe ist noch original.


    Jede Menge Exoten füllen die engen Räume. Merkwürdige Antriebsmechaniken, komplizierte Faltmechanismen, verschlungene Rahmenformen, spezielle Einzelanfertigungen. Notbereifung aus dem WK1, wackelige Plastefahrräder, ein frühes Elektrobike, ein albernes Reitrad und das ehemals schnellste Steherrad der Welt mit einem riesigen Kettenblatt. Dann ein ganzer Raum voller Hühnerschrecks und als logischer Abschluss Mopeds, darunter auch ein ganz altes von Simson.


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    Natürlich hat es länger als zwei Stunden gedauert. Wir bummeln noch etwas durch den Park. Die Saison scheint vorbei zu sein. Ein paar (vermutlich) ganz wichtige Persönlichkeiten promenieren, flanieren oder defilieren durch das gediegene Ambiente. (Hähä...) Manche sitzen nur gelangweilt im Café herum und verzichten großzügig auf den letzten Eisbecher des Sommers. In der Wandelhalle zeichnet das Bayerische Fernsehen gerade eine Antiquitätenschau auf. Sind das die Kandidaten? Wer hatte was Wertvolles dabei? Wer nur Krempel? Nicht zu erkennen. Nur Pokergesichter.


    Gleich dahinter gibts ein paar Heilquellen an einer Hauswand. Na eben, das ist doch ein Kurbad. In den Kurbädern, die wir bisher besuchten, gab es frei zugängliche Heilquellen für Jedermann. Mal probieren? Hier läuft das anders. Neben jedem Zapfhahn ein elektronisches Lesegerät. Heilwasser fließt nur, wenn man eine spezielle Zugangskarte besitzt. Gefäße sind mitzubringen.


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    Nennt sich ein Ort Bad, dann hat er gewöhnlich auch ein solches zu bieten. Gute Idee. In einer Therme waren wir lange nicht. Hinter einem der Hotels werden wir fündig. Leider ebenfalls nicht für Laufkundschaft gedacht. Man muss Hotelgast sein. Fürs Volk gibts fünf Kilometer weiter ein Spaßbad mit Rutschen und so. Nicht unser Ding. Machen wirs uns eben daheim im Womo gemütlich.


    Handynetz ist zu schwach um flüssig im Internet zu surfen. Vielleicht zu viele Berge ringsherum? (Bestimmt gibts in den Luxushotels erstklassiges Wlan.) In MDR laufen heute abend zwei Olsenbanden-Filme. Tatsächlich kriege ich über die digitale Stummelantenne neun Kanäle herein. Leider gibts auch Störungen, so dass das Bild ab und zu ruckelt. (Vor ein paar Tagen hatten wir noch 69 spanische TV-Kanäle in perfekter HD-Qualität. ) Wir gucken trotzdem Egon und Co. In der genialen Ostsynchronisation natürlich. "Mächtig gewaltig!" Da wackelt der Kasten vergnügt.


    Vor uns steht eine Stromsäule. Wenn schon so ein Ding dasteht, kann mans auch nutzen. Wie an vielen Stellen springt uns auch hier wieder der völlig deplatzierte Hinweis auf die Kurtaxe an. Was hat Stromversorgung mit einer Kur zu tun? Die vierte Dose zeigt sogar noch ein Restguthaben von genau einem Cent. Ich werfe einen Fünfziger nach. Dafür gibts eine halbe Kilowattstunde, die wir komplett verbrauchen. So lange haben wir lange nicht Fernsehen gesehen. (Diesen Satz bitte noch mal überarbeiten. - Keine Lust. Zu müde.)


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    Morgens kann man beobachten, wie beliebt der schöne Kurpark bei seinem treuen Gästen ist. Scharen von wichtig aussehenden Hundebesitzern führen ihre Lieblinge in die aufwändig gepflegten Anlagen. Dabei spielt auch der Stellplatz eine Rolle. Nur für Wohnmobile? Eine silberne S-Klasse parkt neben uns. Heraus springt ein Mops, sein gestyltes Frauchen hinter sich herziehend. Der braucht natürlich keine zwei Stunden um seinen Baum zu finden, so dass die Dame gratis parkt.


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    Ans Hinterrad hat uns Jemand eine Tüte mit Prospekten gestellt. Werbegeschenke? Von wem? Die Dame kanns kaum gewesen sein. Dafür hatte sie zu viel Mops am Bändel. Nach dem Frühstück blättern wir durchs künftige Altpapier und entdecken ganz unten einen dünnen Hochglanz-Bildband in rotem Velours eingebunden wie ein Staatsvertrag. Mannomann, hier hat sogar der Müll Noblesse. Eine Textzeile sagt alles: "Hierher zieht man sich unter seinesgleichen zurück..." Sie hätten auch hinschreiben können: Normalverdiener - bleib weg.


    Als wir abfahren wollen, zeigt die Fangreuse ihre Widerhaken. Bezahlen? Ja gerne. Aber nicht an der Schranke. Der zuständige Kassenautomat steht an der Einfahrt zum Parkhaus. Und wo stehen wir? Auf einer Terrasse oberhalb vom Dach des Parkhauses. Das ist nämlich unter uns in den Berghang eingebaut. OK Frühsport.


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    Erst mal runter bis aufs Dach. Das Parkhaus hat vier Ebenen. Also in den Treppenturm und fünfundfünfzig Treppenstufen runter bis zum Erdgeschoss. Der Automat nimmt auch Scheine. Er reißt mir den Zehner ruckartig aus den Fingern. Alles Andere hätte mich doch sehr gewundert. Ticket mitnehmen und nun die fünfundfünfzig Stufen wieder rauf. Dann noch den Hang hoch zum Stellplatz. Keuch...


    Wie viel Zeit bleibt nun eigentlich zum Rausfahren? Wieder zwei Stunden wie gestern bei der Einfahrt? Besser nicht so lange warten. Wir ignorieren die alte Holliday-Clean und tun gut daran. Nicht wegen der zwei Euro die für hundert Liter aufgerufen werden, wir hätten doch nur eine halbe Stunde Zeit gehabt. Wie käme eigentlich ein gehbehinderter Wohnmobilist hier raus? Fallenstellerei mit fünf Sternen.


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    Auf dem Heimweg machen wir noch einen Abstecher in ein kleines Dorf mit nicht mal vierhundert Einwohnern. Hier wird heute das Weidevieh von den umliegenden Hochweiden herunter in die Ställe getrieben. Bunt geschmückte Bauern treiben bunt geschmückte Kühe, meckernde Ziegen hoppeln hinter dem vollen Futtereimer des Hirten her. Ströme von weißen Schafen mit schwarzen Köpfen fließen die Hänge hinab. Am Ende trotten noch ein paar langhälsige Alpakas mit lustigen Halstüchern.


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    Die größte und interessanteste Herde aber sind viertausend Zweibeiner, die das alles sehen wollen. Sie parken in schnurgeraden Reihen die Wiesen ringsum zu, schauen gebannt, wie junge Schäfchen akkurat aus ihrer ersten Wolle gepellt werden, warten mit kleinen Kindern auf den Schulten dicht im Spalier und bejubeln die vorbeiziehenden Tiere, ignorieren die vielen kleinen Häufchen auf der Straße, wundern sich über zu Freudentränen gerührte Bauern, stellen sich geduldig nach Weideburgern und Lammbratwürstchen an, nehmen gelassen zur Kenntnis, dass die gelockten Pommes ausverkauft sind und dem Eismann gerade das Eis ausgegangen ist.


    Welch ein Kontrast zum Geldadel-Ghetto.

    ;-)

    J+J


    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    Hallo Jürgen,

    was heißt hier "demnächst"? Trennschleifer, Schweißtrafo, Kettensäge, Seilwinde, Grubenretter, Schlauchboot liegt immer im Handschuhfach unterm Lenkrad. ;-)


    Nee im Ernst.


    Wandalismus oder Sachbeschädigung sind eigentlich nicht mein Ding. Der Vorschlag, die Rohre zu verschließen, ging an die Betreiber und den Hersteller. Die haben es bestimmt nur gut gemeint, aber leider schlecht umgesetzt. Warum einfach, wenns auch kompliziert geht. Man wollte eine "Premiumanlage" konstruieren, die was hermacht. Mit dem Prototypen unter Laborbedingungen mit klarer Ersatzflüssigkeit und definiertem Wasserdruck hats vermutlich funktioniert. Aber wie in der Tabakindustrie, wo die Konzernbosse allesamt Nichtraucher sind, scheinen auch die Hersteller dieser V/E-Anlagen ihre eigenen Produkte nicht selbst zu benutzen.

    Grüße

    vom Poly

    Rohrkrepierer - Nach(t)schlag


    Wir haben dem "Geschützturm" einen zweiten Besuch abgestattet, weil er günstig am Heimweg von einer Wochenendtour lag. Es war bereits ziemlich dunkel, aber beim zweiten mal weiß man ja schon, wo alles ist. Beim Einparken lesen wir: "Wasserentnahme defekt..." Brauchen wir heute eh nicht. Ist noch was im Tank und falls es in den kommenden Nächten kalt wird, macht sich der Rest sowieso davon. (Dann hat man wenigstens Gewissheit, dass der automatische Frostwächter noch funktioniert.)



    Am Wasserhahn hängt eine seltsame Konstruktion. Ich widerstehe der Versuchung, sie auszuprobieren. Es würde höchstwahrscheinlich aus beiden Anschlüssen spritzen. Geduscht hab ich heut schon. Gut zu erkennen, dass die ganze Säule bis oben hin klatschnass ist. Ob kürzlich Einer an dem Provisorium rumgespielt hat? Geregnet hats jedenfalls nicht.



    Ich ignoriere das hinterhältige Einfüllrohr und kippe das Zeug diesmal direkt in den Bodentrichter. Da steht: "Spülen möglich". Die Kassettenspülung funktioniert tatsächlich wie versprochen und rauscht ab wie der Latefossen, aber ihr Strahl geht nach unten in die Kassette und nicht nach oben gegen die Anlage.


    OK, da gibts ja noch den Knopf für die Beckenspülung, der seinerzeit aus dem kleinen Malheur eine braune Katastrophe machte. Soll ich...? Klar warum nicht. Falls es wieder schief geht, siehts heut keiner. Es knallt, und ein Feuerwerk von Wassertropfen steigt im Scheinwerferlicht empor. Große, kleine, blasige, schaumige Gischt kommt in dicken unregelmäßigen Fetzen diffus in alle Richtungen streuend oben aus dem Kanonenrohr und explodiert in kleinen Krönchen auf dem Sockel. Das Meiste landet auf dem Fußweg davor.


    Zum Glück ist es diesmal nur klares Wasser.



    Aber davon wird nicht die ganze Säule nass. Es gibt noch einen zweiten Springquell. Mein eigener Fehler. Weil unser Ablaufschlauch noch drin liegt, steht die Klappe vom Bodentrichter weit auf. Würde ich jetzt versuchen, sie zu schließen, gäbs nasse Füße. Da unten schießt ein scharfer Wasserstrahl mit großer Wucht nach vorn gegen die Blechwand und zerspringt in Millionen Tropfen, die immer noch sehr viel Bewegungsenergie haben. Durch die schrägen Trichterwände werden viele so abgelenkt, dass sie wie der Geist aus der Lampe als Wasserschleier senkrecht nach oben steigen. (Mannomann, hier ist aber auch ein Druck drauf!) Das kleine Dach mit den Gebrauchsanleitungen ragt nicht weit genug vor. Der kopfstehende Sprühregen ist höher als die Anlage und benässt ihre gesamte Vorderseite.


    Ebenfalls klares Wasser - na gottseidank.


    Es läuft nur ein paar Sekunden. Schaffe gerade noch zwei Fotos. (Komisch, beim letzten Mal schien es Ewigkeiten zu dauern, bis der braune Regen endlich aufhörte.)



    Nun müsste ja eigenlich auch die Sicht in das vermaledeite Rohr gründlich freigespült und moralisch unbedenklich sein. Ich halte die Kamera davor, und blitze zwei mal hinein. Wie vermutet, ragt von oben tatsächlich eine eingebaute Spüldüse ins Innere. Da das Wasser dort mit hohem Druck direkt gegen die Innenwand des Rohres schießt, spritzt jedes mal ein großer Teil davon oben raus ins Freie. Was verteilt sich da sonst noch? Escherichia coli und ihre Kollegen?



    Eine Fehlkonstruktion.

    Die Düse verengt außerdem den Rohrquerschnitt. Ihr Rand ist scharfkantig und unregelmäßig gezackt, ähnlich wie die rostige Schweißnaht weiter hinten, wo das schräge Rohrstück in das senkrechte übergeht. Kein Wunder, dass da manchmal Zeug hängen bleibt. So ein Rohr sollte innen glatt sein und keine vorspringenden Bauteile, wulstigen Schweißnähte oder enge Knickstellen haben.



    Der Anleitung nach soll man gleichzeitig entleeren und spülen. Den akrobatischen Akt möchte ich mal sehen. Kassette einhändig hochhalten und den gelben Entlüftungsknopf drücken, gleichzeitig oben an der Säule den Spülknopf betätigen und sich selbst so weit es geht auf Abstand bringen, denn da bleibt ein Zwischenraum und spritzen wird es trotzdem.


    Meine Empfehlung an die Betreiber solcher Anlagen: Rohrende verschließen!


    Der Königsweg wäre ein abnehmbarer Deckel - so lange er nicht geklaut wird. Man könnte auch einen Holzpflock stramm reinhämmern, (so wie man früher Kanonenrohre unbrauchbar gemacht hat) oder die Mündung im Schraubstock flach quetschen und umbiegen wie das Ende einer Zahnpastatube, oder man schweißt sie einfach zu und gut is.


    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    süßes Versteck


    Wir haben am Nachmittag en passant eine alte römische Wasserleitung besichtigt, was doch etwas länger dauerte als geplant. Das Museum daneben war recht interessant. Besonders weit werden wir heute das Rhonetal nicht mehr hinaufkommen.



    Nahe der Nationalstraße hinter ein paar Büschen mache ich einen kreisrunden Parkplatz ausfindig. Die besten Stellen am Rand sind schon mit Weißware belegt. Der Kasten ist noch nicht ganz eingeparkt, da kommt ein Franzose auf uns zu und will uns etwas mitteilen. Dem pantomimisch verstärkten Wortschwall entnehmen wir, dass er es gut mit uns meint und uns nur warnen will. Hier hätte es in jüngster Zeit bereits vier Gasüberfälle auf deutsche Urlauber gegeben: "Ssst... ssst..." Dabei drückt sein theatralisch erhobener Zeigefinger auf eine unsichtbare Spraydose mit unsichtbarem Betäubungsgas. Hähä. Gar nicht so einfach, sich das Grinsen zu verkneifen. Ich denke eher, dass er ganz andere Gründe hat, warum er uns hier wegschicken will. Wir bedanken uns höflich und tun ihm den Gefallen. Es ist noch hell und wir haben viele Markierungen in unserer Karte. Fahren wir eben ein Stück weiter.


    Die Entscheidung erweist sich als Glücksfall. Zur nächsten Übernachtungsoption geht es mitten durch ein Stadtzentrum. Die Straße wird immer schmaler und die Abstände zwischen den Zebrastreifen immer kürzer. Hier gibt es ja richtig Nachtleben. Trotz der späten Stunde haben einige Geschäfte noch geöffnet. Die Kaffees auf den Trottoires sind gut besucht. Diese Stadt muss ein Zentrum der Süßwaren sein. Immer wieder liest man das Wort Nougat an den Läden.



    Wir verlassen die Hauptstraße und das Navi leitet uns über enge verschlungene Einbahnstraßen und vielarmige Abzweigungen immer tiefer in ein dicht bebautes Gebiet. Im Scheinwerferlicht sieht man nur noch Mauerschluchten, Betonwände, unbeleuchtete Fenster, bröckelnden Putz, rissigen Asphalt, enge Kurven. Wo soll das enden? Dann geht es eine steile gewundene Rampe hinab in - Überraschung - einen kleinen Wald. Wie schön! Und wir sind beileibe nicht das einzige Womo in dieser unerwarteten Oase.


    Am Morgen sehe ich mir das Wunder an. Eigentlich ist der Stellplatz nur ein großer Hinterhof, aber Büsche und Bäume schaffen ein parkähnliches Waldidyll. Mitten drin ein alter Flüssiggas-Stadtbus. Der scheint schon lange hier zu stehen. Mehrere Klappen sind aufgebrochen, Griffstangen abgeschraubt, Sitze herausgerissen. Obwohl noch Nummernschilder dran sind, bestimmt nicht fahrtüchtig. Für einen Hippie-Bus bissl groß. Zurückgelassener Schrott?



    Dass man hier kostenlos steht, hatte ich gestern Abend schon herausgefunden. Oben in der Zufahrt gibt es eine aufwändige Polleranlage mit Kreditkartenterminal. Die dicken Stahlrohre sind auf Dauer im Boden versunken. Das Display des Terminals ist dunkel. Ich drücke probeweise einige Tasten, aber es gibt keine Reaktion. Diese Anlage ist mausetot. Uralte Klebeband-Reste zeigen, dass der Zustand bereits lange währt. Laut Internet schon mindestens fünf Jahre.



    Falls sie jemals funktioniert hat, muss das ziemlich umständlich gewesen sein. Die Automatensäule steht direkt auf Höhe der Poller. Waren sie hochgefahren, konnte man das Terminal keinesfalls aus dem Autofenster erreichen. Man musste also aussteigen, um es zu bedienen und nachher schnell wieder ins Auto springen, sobald die Barriere versank. Die Straße ist nur einspurig und hinter den Pollern ziemlich steil, was die Sache nicht gerade erleichtert. Tiefe Kratzspuren an der Talseite klagen den Erbauer an. Könnte mir gut vorstellen, dass ein genervter Camper eines Tages die Geduld verlor, und das Ding - wie auch immer - hinrichtete.



    Laut Hinweistafel sollte eine Übernachtung eigentlich fünf Euro kosten. Vergangene Nacht standen mit uns 12 Womos auf dem Platz. Falls das die durchschnittliche Belegung ist, sind dem Betreiber in fünf Jahren also grob geschätzt etwa hunderttausend Euro entgangen.



    Statt Einnahmen entstehen weiterhin Kosten, denn im Gegensatz zum abgemurksten Kassierer ist die V/E quicklebendig und wird gerne benutzt. Fast jeder Abreisende stattet ihr heute Morgen noch einen Besuch ab. Die Entsorgungsfläche ist perfekt waagerecht und die extrem lange Grauwasserrinne leicht zu treffen.



    Um Trinkwasser zu bekommen, muss man keinen Zahlencode mehr eingeben, nur am Hahn drehen. Unter der viereckigen Riffelplatte mit dem grünen Bändsel ist der Kassettentrichter verborgen. Und alles gratis. Hier könnte man lange billig wohnen und sich durch die Nougatspezialitäten der Stadt futtern.



    Hinter der Windschutzscheibe des alten Busses entdecke ich ein ausgebleichtes Pappschild mit einem handgeschriebenen Text. "Je cherche un chauffeur pour partie au plus..." Das Handy übersetzt es mit: "Ich suche einen Fahrer zum Teil höchstens..." Hilferuf aus einer fernen Vergangenheit, als der Bus noch funktionierte?


    Kurz bevor wir abfahren, steht plötzlich die mittlere Tür des Buswracks einen Spalt offen und draußen hat Jemand einen großen schwarzen Hund angebunden. Also doch bewohnt. Na sowas. Außer dem Hund bekommen wir aber von dem Bewohner oder der Bewohnerin nichts zu sehen.


    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    Nachsatz.

    Ich hatte diesen Text schon kurz nach der Reise in entsprechender Hochstimmung geschrieben. Wenige Tage später fand die Idylle im Tal der Aude leider ein jähes Ende. Extreme Regenmassen ließen den Fluss in ganz kurzer Zeit anschwellen. Neben hohen Sachschäden gab es leider auch Todesopfer. Wie mögen die schönen Orte nun aussehen? Traf es vielleicht einen der freundlichen Menschen, die uns dort begegneten? Solche Meldungen gehen einem doch näher, wenn man gerade erst selber da war.

    J+J

    Spielspaß


    Wir wollen hier eine vieltürmige mittelalterliche Stadt besuchen, die nach einem beliebten Legespiel für Familienabende benannt wurde. Schon von Weitem zu sehen, dass jemand ihre Mauern mit gelben Streifen angemalt hat. Pfuschende Anstreicher? Postwerbung? Markierungen für die Abrissbirne?


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    Solche historischen Bauten haben ja manchmal bunt bemalte Fensterläden. Aber das hier geht mir bissl zu weit. Am Aufstieg zum Tor entdecken wir den beabsichtigten Effekt. Man muss tief in die Hocke gehen um den richtigen Kamerastandpunkt zu bekommen. Meine Knie protestieren, deshalb zeigen hier manche Kringel einen Knick.


    Was für ein Aufwand für so eine optische Spielerei. Und wie wollen sie die Unmengen Farbe nur jemals wieder runterkriegen? Später lese ich, dass viele Einwohner auf den Künstler und die Verschandelung ihrer Burg stinksauer sind. Aus der Nähe sehen wir, es ist zum Glück nur Klebefolie. Könnte man leicht wieder abreißen. Aber wer weiß. Den Eiffelturm fanden einige Franzosen zunächst auch hässlich. Eigentlich sollte er bereits nach zwanzig Jahren wieder abgerissen werden ...


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    Da wir heute Früh erst noch in einer Höhle im Gebirge herumgekrochen sind, ist es schon wieder mal spät. Alle Museen haben schon zu. Also bummeln wir nur ein bisschen durch die Gassen, knipsen um die Wette, essen Eis, weichen winzigen Autos aus, lästern über die unvermeidlichen asiatischen Reisegruppen und den unglaublichen Kitsch in den zahllosen Andenkenläden. Gerade als wir wieder hinunter wollen, ertönt melodischer Chorgesang aus einem Straßencafé. Ich tippe auf Junggesellenabschied.


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    Unser Stellplatz liegt recht nahe am Fuß der Burg. Er ist nagelneu und mit mit der landestypisch verspielten Technik ausgestattet. Ganz viele Schranken und Automaten mit Displays, Tastaturen, Kartenschlitzen nach komplizierter Logik programmiert und vernetzt. Und natürlich vor allem Französisch und nur ein bischen Englisch beschriftet.


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    Die erste Schranke steht einladend weit offen. Das Terminal an der zweiten Schranke hat überraschenderweise eine Taste für Deutsch und begrüßt uns tatsächlich in unserer Muttersprache. Man soll erst mal einen Dialog führen. Ob man Stammgast ist? Wie lange man bleiben will? Wie viele Personen mitreisen? usw.


    Zwischendurch teilt er mit, dass noch "15 Plätze frei" sind. Wie nett. Sobald voll belegt ist, schließt sich wahrscheinlich die offene Schranke vor der Einfahrt und kein weiteres Fahrzeug kommt mehr bis zum Terminal durch. Ich könnte wetten, dass für den Fall trotzdem ein Text einprogrammiert ist, dass nun "Null Plätze frei" sind. Könnte ja sein, dass Jemand unter der Schranke durchkriecht und in vergeblicher Hoffnung auf den Tasten rumspielt. Programmierer müssen an alles denken.


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    Und dann hat der Automat plötzlich vergessen, dass Deutsch angesagt war und parliert doch wieder in Französisch. Spielverderber. Ich reime mir den Rest zusammen und schaffe es tatsächlich, Ihm ein Ticket mit einer sechsstelligen (!) Geheimnummer zu entlocken. Es gilt genau vierundzwanzig Stunden. Die Uhrzeit ist aufgedruckt. Überschreitet man nur um eine Minute, muss man neu löhnen. Strenge Regeln. Da verstehen diese Automaten keinen Spaß.


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    Man muss die Nummer auch zum Nachfüllen an der Wasserzapfstelle eingeben, sonst bekommt man nix. Die Säule hat vorne schon einen ordentlichen Streifschuss abbekommen. Schwer zu sagen, ob versehentlicher Rammstoß von einem Womo oder wütender Fußtritt.


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    Wenigstens der Deckel zum Fäkalschacht geht einfach so auf. Hier darf man den Kot eingeben ohne den Code einzugeben. Trotz der erkennbaren Jugend der Anlage, wurde auch diese Klappe bereits aus ihren Scharnieren gerissen. Läuft da vielleicht ein heimlicher Wettbewerb, wer die meisten Deckel abrupft? Die Kassettenspülung ist übrigens der untere Knopf. Drückt man irrtümlich die obere Taste "PUSH", ohne den Schacht zu schließen, bekommt man eindrucksvolle Wasserspiele zu sehen und wahrscheinlich nasse Füße.


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    Damit man in Stellplatzverzeichnisse reinschreiben kann, dass der Platz auch Strom hat, bietet diese stelzbeinige Box genau zwei blaue Steckdosen für drei Dutzend Wohnmobile. Wer eine davon nutzen wollte, müsste sich aber mitten in die V/E stellen. Steckdosen am Entsorgungsplatz haben wir in La France häufig gesehen, ihre Nutzung kein einziges Mal.


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    Wir verziehen uns lieber ganz nach hinten weit weg von Einlassgeplänkel und Schrankenballett unter eine große Pinie mit riesigen Zapfen, packen das Außenmobiliar in den Kastenschatten und die Solarmappe hinter die Frontscheibe. Abends spielt Musik auf der Freilichtbühne der Burg und der böige Wind vom Mittelmeer treibt ein paar Oldies in Schwaden zu uns herunter.


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    Bei der Abreise haben wir zum Glück noch ein kleines Zeitpolster. Ich bin richtig stolz, dass ich die wichtige Nummer noch auswendig weiß und tippe sie fast ohne hinzusehen in die Tastatur an der Ausfahrtschranke. Nix passiert. Also noch mal einen Blick auf das Ticket. Komisch. War doch die Richtige. Zweiter Versuch. Immer noch nix. Beim dritten Mal sehe ich etwas genauer auf das Anzeigefeld.


    In der hellen Sonne kaum zu erkennen und kaum zu glauben: sogar beim Wegfahren will das Ding erst noch einen Dialog führen. Diesmal gleich auf Französisch. Ob ich einen permanenten oder einen temporären Code einzugeben gedenke? Hä? Ach so, der Blechkamerad will wissen, ob sich ein edler Stammkunde oder ein popeliger Durchreisender verabschiedet. Wahrscheinlich bekommen gute Dauergäste ein Abschiedslied vorgespielt.


    Ich wähle Landstreicher, also "temporaire". Nun die sechsstellige Nummer... Und schon wieder nix. Blick aufs Display. Die ersten beiden Stellen stehen gar nicht da. Ich hab zu schnell getippt und das Ding ist nicht mitgekommen. Also noch mal, diesmal betont langsam und mit genauem Kontrollblick, ob auch tatsächlich angezeigt wird, was ich eingebe. Immer noch nix ... da wird doch der Hund in der Pfanne verr... Jetzt bloß keine Gewaltausbrüche. Hier sind überall Kameras.


    Erleichterung. Es war nur ein kleiner Abschiedsstreich des Programmierers. Eine Kunstpause für die unausgesprochene Rausschmeißerfrage: "Kann ich sonst noch was für sie tun?" Langsam geht die Schranke hoch und wackelt noch ein bisschen als würde sie innerlich kichern. Blick auf die Uhr ... oops, das war knapp!


    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)


    Hallo Reinhold,


    das ist Hardys Forum. Wer was Passendes einbringen will, ist willkommen. Wir sind nur vorsichtig mit Gesichtern, Nummernschildern und Namen. Niemand soll bloßgestellt werden. Trifft sonst leicht die Falschen.

    Danke fürs Löschen.

    Jutta+Jürgen

    Mal guggen ob Bilbo daheim ist...


    Wenn mir vor Jahr und Tag Jemand geweissagt hätte, dass ich einmal fast zweitausend Kilometer diagonal durch Frankreich fahren würde, um ein Kunstmuseum in Spanien zu besuchen, hätte ich ihm wahrscheinlich einen Vogel gezeigt. Nun ist es genau so passiert. Dieser Reisekasten bringt einen auf Ideen...


    Nach zwei langen Fahrtagen sind wir hoch über der Stadt auf einem Berggipfel gelandet und staunen über das Panorama.


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    Hinter dem Fußballstadion und dem schwarzen Hochhaus haben wir das Ziel unserer Reise schon ausgemacht.


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    Verbogene Dächer, ein halbfertig zerrissener Turm und ein großer roter Kinderbaustein - Kunst eben.


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    Am nächsten Vormittag in der Kassenschlange, ist massenhaft Zeit sich die goldige Titan-Fassade aus der Nähe anzuschauen. Das Haus ist großartig, aber jede einzelne Platte ist krumm und verbeult. Ein Spengler müsste sich schämen, so etwas abzuliefern. OK, ich verstehe nicht wirklich viel von Kunst. Wenn mir jemand Baumängel als kreatives Können anpreist, frage ich mich erst mal, ob der mich veralbern will.


    Im Inneren ist fotografieren verboten. Ein gigantisches aufgeblasenes Untier baumelt von der Decke und reckt seine gewaltigen Tentakeln in die Nebenräume und Lichtschächte. Es steckt in einer Textilhaut aus unzähligen vielfarbigen Zipfeln und Bommeln, Applikationen und Ziernähten, Stickereien und Strickereien. Da hat ne alte Oma lange dran zu häkeln und ein alter Poly lange was zu schauen.


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    Wir sehen einen ruckeligen Schwarz-Weiß-Film, schlängeln uns durch leuchtende Laufschriftvorhänge und durch rostigen verbogenen Panzerstahl, spiegeln uns in bunten Ballonblumen bis plötzlich Bühnennebel alles einhüllt. Zu Blüten zusammengesetzte Bügeleisen erblühen zischend und dampfend zur allgemeinen Erheiterung. Verschnörkelte Riesenherzen geformt aus unzähligen verbogenen Wegwerfbestecken drehen sich langsam am Faden. (Dös hätt für mehrere Oktoberfeste gelangt.)


    In einem Raum stehen mannshohe High-Heels aus Edelstahl-Kochtöpfen und eine ebenso große Karnevalsmaske aus Wandspiegeln. Gleich daneben ein vergoldeter Hubschrauber in Originalgröße mit einem dicken Pelz aus lila Straußenfedern. Sieht flugfähig aus. Man müsste ihn vermutlich nur häuten und auftanken. Nebenan eine riesige schwarze Pistole aus alten Telefonen die lustige Melodien klingeln. Von der Decke hängt etwas, das man für einen Kronenleuchter halten könnte, bis man entdeckt, dass hier zigtausende Tampons zusammengeknüpft wurden. (Meine Güte, das reicht hundert Jahre für ein ganzes Mädchenpensionat.)


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    Die zweite Etage ist gesperrt. Es wird umgebaut. Ganz oben in der Dritten endlich Bilder mit bekannten Namen und bei jedem Zweiten das Gefühl, es schon mal gesehen zu haben. Der Audioguide flüstert mir Infos ins Ohr. Da hat ein Maler sein Model mit Farbe überschüttet und auf der Leinwand herumgewälzt. (Die größte Kunst bestand wahrscheinlich darin, sie dazu zu überreden und hinterher wieder sauber zu kriegen.) Egal, auch dieses Bild ist ein Augenschmaus.


    Außen um das Gebäude herum gibts ebenfalls viel zu sehen. Ein Turm aus gewaltigen Christbaumkugeln, ein haushoher Blumenhund, eine schwangere Riesenspinne, ein Rad aus Alufelgen mit einer Krone aus Whiskygläsern, und leicht zu übersehen, die lebensgroße Skulptur eines Politikers, der von dem Kunsttempel flüchtet. Draußen darf man auch wieder knipsen.


    Ach ja, zum Stellplatz hab ich noch nichts gesagt. Man sieht ihn unten von der Stadt aus.


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    Die gelbe "Festung" dahinter ist ein Wasserbehälter. Es gibt eine Buslinie, die für Einsdreißig pro Nase bis runter in die Altstadt fährt und - viel wichtiger - natürlich auch die fast zweihundert Höhenmeter wieder rauf. Die Busfahrt ist ein Abenteuer für sich. In einigen Steilkurven gehts enger zu als auf der Trollstiegen.


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    Der Platz ist in Terrassen angelegt und in der vorderen Reihe hat man diese tolle Aussicht. Man wird plaziert, wobei die Dame am Empfang offensichtlich gleiche Nationen zueinander stellt. Für jede Parzelle gibts einen Stromanschluss und einen eigenen Wasserhahn an Säulen aus gelbem Naturstein.


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    In der Ausfahrt der oberen Terrasse liegt die Entsorgungszone mit zwei Kassettentrichtern und zwei Spülwassersäulen ebenfalls aus diesem gelben Stein gemauert. Viel benutzt und selten trocken. Große schwarze Schimmelflecke konkurrieren mit dem leuchtenden Gelb. Ich staune über die dicken Wasserschläuche.


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    Auf der gegenüber liegenden Seite das Gleiche nochmal. Macht theoretisch vier Möglichkeiten. Naja nicht ganz. Der letzte Trichter gegenüber ist verstopft und mit Flatterband zugebunden. Dass der Papierkorb überläuft, ist der Faulheit der Wohnmobilisten geschuldet. Es gibt genug Müllkästen auf dem Platz. Man hätte halt nur ein paar Schritte gehen müssen.


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    Als wir abfahren wollen, stehen gerade zwei riesige Glamping-Schrankwände in der V/E und blockieren alles. Erstmalig bekommen wir vorgeführt, wie so ein Hundertliter-Fäkaltank geleert wird. Der Hausherr zur Linken hat es leider nicht genau über den Bodeneinlauf geschafft. Ein armdicker brauner Strahl fällt aus einem halben Meter Höhe auf den Beton und zersprüht in viele lustige braune Tröpfchen, die sich nun selbst ihren Weg zum Trichter suchen müssen. Unterwegs haben sie viel Zeit entsprechenden Duft zu entfalten.


    Dem Herrn scheint das aber doch peinlich zu sein. Er greift sich einen der beiden Spülschläuche und verdünnt, was da über den Boden kriecht. Das ist aber kein fingerdünner Gartenschlauch fürs Kräuterbeet, sondern eher das Kaliber Jugendfeuerwehr und der Wasserstrahl so dick wie ein Schaufelstiel. Das dauert seine Zeit bis hundert Liter Dickflüssiges ausgelaufen sind und die ganze Zeit plätschert eine größere Menge gutes Trinkwasser hinterher. Damit könnte man einen mittleren Waldbrand löschen.


    Natürlich muss so ein Monstertank auch ausgespült werden. Irgendwo hab ich gelesen, dass bei den großen Boliden gewöhnlich das Grauwasser zur Spülung des Fäkaltanks verwendet wird. Das läuft bei ihm aber ungenutzt weiter vorne aus einem eigenen Rohr ab. Zum Spülen füllt er den Tank erneut mit dem Wasser aus dem Schlauch. Dauert entsprechend und es dürften wieder gut hundert Liter dahin gehen. Wie war das noch mal mit der Trinkwasserknappheit in Spanien? OK, wahrscheinlich braucht er die Prozedur nur selten zu machen und kann seine gärende Gülle monatelang spazieren fahren, bis es wieder pressiert.


    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    Farben und Formen


    Wir haben Frankreich in zwei Tagen diagonal durchquert und übernachten noch einmal am letzten Zipfel Biskaya vor der spanischen Grenze. Der senfgelbe Sandstrand ist grobkörnig und die auflaufenden Wellen sind völlig unberechenbar. Mal lecken sie nur sanft an den Füßen, dann haut dich die nächste Welle fast um. Draußen in der riesigen Bucht haben die Kreuzseen schon Schiffe durchgebrochen wie Streichhölzer. In der Nacht hören wir trotz dichter turmhoher Hecken die unregelmäßig andonnernde Brandung bis oben auf dem Stellplatz.


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    Am nächsten Morgen lassen wir uns ganz viel Zeit. Es ist nicht mehr weit bis zum Ziel der Reise im Baskenland. Natürlich wird auch diese Gelegenheit zum Entsorgen genutzt. Die Anlage hat eine merkwürdig bekannte Form. Das muss in früheren Zeiten eine flotte Mademoiselle gewesen sein, genauer gesagt eine "Flot Bleu". Nun ist sie alt. Ausgemustert wie ein Schaltpult aus einem stillgelegten Atomkraftwerk. Alle Schlitze und Ritze in die man früher Münzen oder Kreditkarten reinstecken konnte, sind zugeklebt und vernietet. Jemand hat sie grün angestrichen, aber an den Ecken schimmert die blaue Vergangenheit noch durch.


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    Die normalerweise innen verborgenen Wasserhähne sind durch den Bauch der alten Dame nach draußen gewachsen. Sie liegen bedenklich nahe beieinander. Damit sie nicht verwechselt werden, hat ein besorgter Mitmensch wenigstens den Spülhahn beschriftet.


    Er ist rostbraun korrodiert, der andere fürs Trinkwasser dagegen messingblank. Das sieht ja aus wie die Hände von Vigelands Sinnataggen in Oslo. Den fassen die asiatischen Touristen immer am linken Pfötchen um dann Beweis-Selfies zu machen. "Li Feng war hier!" Soll wohl außerdem Glück bringen. Seine Linke ist jedenfalls dadurch schon spiegelglatt poliert. Ob hier inzwischen ein ebenso seltsamer Kult entstanden ist?


    Könnte natürlich auch sein, dass vorsichtige Leute ihn vor Benutzung sicherheitshalber reinigen. Ab und zu ein Becher scharfes Desinfektionsmittel äzt ebenfalls schön blank.


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    Die seitliche Tür ist mit dicken Riegeln verschraubt. Nichts mehr zu machen. "La fábrica está cerrada." (Fabrik geschlossen.) Mexikanische Frauen verwenden diese Formel, wenn sie ihre Familienplanung ein für allemal beendet haben. OK, die große kantige Matrone lässt uns nicht mehr rein. Macht nichts. Gleich nebenan bietet eine kleine pummelige Schönheit vollwertigen Ersatz.


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    Hier hat ein wahrer Künstler ein einmaliges Meisterwerk geschaffen, das in seiner eindeutigen Formensprache keine Fragen offen lässt. Sanft gerundeter Rauhbeton mit fließend herablaufenden Umbrastreifen, edle Kacheln in strahlendem Weiß und eine krönende Natursteintafel mit verspielten Ringeltupfen harmonieren perfekt mit einer dicken nussbraunen Multiplexplatte, die in ihren ausladenden Wölbungen und harter Kantigkeit gleichzeitig anziehend auf Kassettenrüssel und abschreckend auf menschliche Hinterteile wirkt.


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    Unterstützt wird der beabsichtigte Effekt durch eine formenreiche Installation aus Messing, Chrom und Polypropylen. Sollte sich doch Einer draufsetzen, wirds gewaltig im Rücken drücken. Auch rostiges Eisen, das Modematerial der zeitgenössischen Bildhauerei, findet sich als sparsam gesetzte Kontrapunkte an markanten Stellen der Skulptur. Und erst das Ambiente drumherum. Algengrüne Kantsteine umkränzt von grob geflochtenen grauen Matten unter wucherndem Rhododentron flankiert von einer wundervoll gewellten Leitplanke. Hier wird jede Verrichtung zur Performance. Leute passt bloß gut auf, sonst landet das Ding im Kunsthandel.


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    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)

    Hafengeschichten


    Auf halbem Weg nach Spanien geht uns allmählich das Tageslicht aus. Bis zur Loire schaffen wir es heute nicht mehr, also muss ein Übernachtungsplatz her. Der Kasten rollt in eine winzige Stadt eine enge Ladenstraße herunter. Alles schon geschlossen. Bürgersteige hochgeklappt. Kein Mensch mehr weit und breit. Nach dem holprigen Bahnübergang (immerhin zweigleisig) geht es hinab zum Kanalhafen. Vor einem kleinen rostigen Museum - drei enge Parkbuchten. Links ist noch eine für Rollifahrer reserviert, rechts steht ein Buswartehäuschen. Wir fädeln uns in die Mittlere. Offizieller Stellplatz, bissl schief, aber wir werden nicht aus dem Bett fallen. Für eine Nacht völlig OK. Später erfahren wir, dass man sich auch unten auf die Wiese am Wasser zu den Schiffen stellen darf. Dort sind sogar zusätzliche Stromanschlüsse.


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    Als die Straßenbeleuchtung angeht, sammelt sich gegenüber eine Gruppe junger Leute mit Mopeds und Fahrrädern und beglückt uns mit ihrem Musikgeschmack. Schon erstaunlich, was so ein winziger Brüllwürfel für Krach machen kann. Ein anderer Kastenwagen stellt sich neben uns und lässt die Scheinwerfer eingeschaltet. Die Gang schnappt plötzlich ihre Zweiräder, schiebt sie geschwind hoch zur Hauptstraße und knattert bzw. strampelt davon. Zurück bleiben nur ein paar leere Getränkeschachteln. Das andere Womo fährt nach einiger Zeit doch weiter und den Rest der Nacht haben wir Ruhe.


    In älteren Rezensionen wurde der Platz wegen fehlender Müllbehälter kritisiert. Der Jugendclub hat scheinbar noch nicht mitbekommen, dass inzwischen riesige Container mit jeder Menge Stauraum aufgestellt wurden. Da hätte nicht nur ihr bisschen Abfall, sondern sie selbst komplett mit Musikbox und Fuhrpark reingepasst. Fein säuberlich geschieden nach recyclingfähigem und biologischem Material.


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    Getrennt wird natürlich auf französische Art. In die gelben Klappen kommt Papier, Kartons, dicke Plaste und Blechdosen, also Zeug aus dem man wieder was machen könnte. (Ob und wie man diesen Mischmasch aber später wieder auseinanderfusselt?)


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    In die schwarze Klappe schmeißt man Essensreste, volle Windeln und dünne Folien. Das Gemenge kann also nur für die Deponie oder zur Verbrennung bestimmt sein.


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    Hinterm Bushäuschen besitzt der Platz sogar eine V/E. Die knapp bemessene Betonplatte ist an drei Seiten ummauert. Man sollte präzise rangieren. Jemand hat bei ihrer Errichtung den frischen Beton mit einem borkigen Ast geglättet. Auch so entsteht Volkskunst. Auf älteren Bildern im Netz sieht man, dass der Bodeneinlauf anfangs mit einer Art Reling umgeben und damit kaum überfahrbar war. Diese Bügel sind verschwunden, was die Sache erheblich vereinfacht.


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    Seitlich steht eine kleine Euro-Relais-Säule. Passend zu den Freizeitschiffen aus dickem Bootsbau-Glasfiber. Unverrottbar aber leider nicht unkaputtbar. Vermutlich wurde sie noch nie sauber gemacht. An besonders nahrhaft beschmierten Stellen siedelten sich bereits Flechten an, wie an der Rinde alter Bäume. Positiv denken! Flechten sind ein Zeichen für reine Luft! Immerhin die Wasserhähne funktionieren und drei Campervereine spendeten sogar schon per Aufkleber ihren Segen.


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    Ob die beiden rückseitigen Steckdosen auch Strom liefern, haben wir mangels Notwendigkeit nicht getestet. Glaube schon, denn alle Drähte sind angeschlossen. Man kann sich das hier richtig gut anschauen, denn es ist Tag der offenen Tür. Für den Technikfreund ist der Blick in die Eingeweide so einer Säule natürlich interessant. Ich hoffe nur, dass die Anwohner gut auf ihre spielenden Kinder aufpassen. Wenigstens scheinen keine stromführenden Leitungen blank zu liegen. Geld gibts hier nicht zu holen. Wasser und Strom sind gratis. Aber ich möchte wetten, dass die Verteilerdose links ursprünglich einen Deckel hatte.


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    Manche Leute haben eine merkwürdige Art, sich für kostenlose Angebote zu bedanken. Vielleicht hat ein Campingfreund mit Kaffeemaschine und Hochleistungsfön die Sicherungen überlastet, ("So ein Mist. Wieso ist auf einmal der Strom weg?") um an den Schalter im Inneren ranzukommen und den Strom wieder einzuschalten, einfach die Tür gewaltsam aufgerissen, ("Ist doch nicht meine Tür.") und dabei ein großes Stück GFK aus dem Rand herausgebrochen. Sie lässt sich nun nicht mehr verschließen. Da sich die Säule etwas neigt, schwingt sie durch ihr Eigengewicht auf und steht den ganzen liebenlangen Tag sperrangelweit offen.


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    Will man den Fäkalschacht öffnen, ist die Tür natürlich im Weg. Tür zumachen und Kassettenklappe dagegen lehnen, funzt nicht. Da die Steckdosen einiges wiegen, etwickelt die Tür zu viel Schubkraft und wirft die leichte Klappe einfach wieder um. Es gibt einen Schnapper, durch den man Klappe und Tür zusammenklipsen könnte. Leider ist das Gegenstück am unteren Türrand ebenfalls zerbrochen. Reste verschiedener Klebstreifen zeugen von Reparaturversuchen und zeigen, dass dieser Zustand schon lange besteht. Ein Vorbenutzer hat einen Draht hinterlassen, den man am Türschloss einhaken kann. Hält leider nur bist zum nächsten Windstoß. Irgendein Campingfreund hat das Problem durch zusätzliche Zerstörung verschlimmbessert indem er beide Scharniere der Klappe abgebrochen hat. Man kann das Ding nun einfach herausheben und beiseite legen. Dann gähnen dem gestressten Kassetten-Mann aber gleich zwei offene Schächte entgegen und er muss eine Entscheidung treffen. Falls dabei noch der Blick vom Beaujolais getrübt ist ...


    ;-)

    J+J

    (PS: Exemplarisches Beispiel. Bitte keine offene Nennung von Stellplatznamen o. Ä.)